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Frankfurter Börsenbrief
 
   

Nachhaltigkeit

2005 haben die Vereinten Nationen die Principles for Responsible Investment (PRI) verabschiedet, also die Grundsätze für verantwortungsbewusstes Wertpapier-
management. Dieser Initiative sind bereits über 700 institutionelle Investoren, also Banken, Versicherer oder Vermögensverwalter beigetreten – darunter zur Zeit sieben aus Deutschland –, die insgesamt Ende 2009 über 18 Billionen USD an Anlagevolumen verwalteten. Sie unterstreichen die zunehmende Bedeutung von Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungskriterien (englisch: environmental, social and governance = ESG) bei Investitionsentscheidungen.

Die PRI umfassen insgesamt sechs Prinzipien:

1. Wir werden Ökologie-, Sozial- und Unternehmens-führungsthemen (ESG) in die Analyse- und Entscheidungsprozesse im Investmentbereich einbeziehen.
2. Wir werden aktive Aktionäre sein und ESG-Themen in unsere Aktionärspolitik und -praxis einbeziehen.
3. Wir werden eine angemessene Offenlegung in Bezug auf ESG-Themen bei den Unternehmen und Körperschaften fordern, in die wir investieren.
4. Wir werden die Akzeptanz und die Umsetzung dieser Grundsätze in der Investmentbranche vorantreiben.
5. Wir werden zusammenarbeiten, um unsere Wirksamkeit bei der Umsetzung dieser Grundsätze zu steigern.
6. Wir werden über unsere Aktivitäten und Fortschritte bei der Anwendung der Grundsätze Bericht erstatten.

Idee der PRI ist, dass ein aktives Vorantreiben PRI-relevanter Themen, das Vorleben und Einfordern der Umsetzung auch von anderen Marktteilnehmern, und schlussendlich eine entsprechende Veröffentlichung bedeutsamer Fakten auch andere Institutionen zu nachhaltigem Wirtschaften ermutigt.

Trotz der nach wie vor hohen Akzeptanz nachhaltiger Investments gibt es weltweit keine standardisierten Kriterien, was unter dem Schlagwort „Nachhaltigkeit“ exakt zu verstehen und zu definieren ist. Von einer einheitlichen Vorgehensweise ganz zu schweigen. Entsprechend muss jede Institution für sich entscheiden, was als nachhaltig angesehen und bewertet wird.

Wir wollen unserer Forderung nach Transparenz natürlich selbst genügen und veröffentlichen an dieser Stelle unsere Leitlinien. Sie werden im einen oder anderen Fall ergänzt werden müssen. Darauf werden wir in den entsprechenden Publikationen hinweisen. Somit sind die folgenden Punkte eher als Leitfaden denn als umfassendes Kompendium zu verstehen.

Unsere Kategorien für Nachhaltigkeit:

Ökonomisch

In den Medien ist die Kritik an den sogenannten „Manchester-Kapitalisten“, die nur auf die kurzfristige Gewinnmaximierung aus sind und ausschließlich die Optimierung der Gewinnkennziffern im nächsten Quartal im Blick haben, unüberhörbar. Scheinbar werden Massenentlassungen durch steigende Börsenkurse honoriert. Eine solche These betreibt aber, was sie kritisiert, nämlich den kurzfristigen Blickwinkel. Auf die lange Sicht sind am Kapitalmarkt stets die Unternehmen am erfolgreichsten, die sich – nicht nur beim Personal, durch anhaltende Einstellung – einer längerfristigen Perspektive und Entwicklung verschrieben haben.

Positive Incentives können sein:

  • Ausgaben für Forschung und Entwicklung höher als der free cash flow
  • Hohe Eigenkapitalquote, um auch in schwierigen Phasen den Kurs fortsetzen zu können
  • Prognosegenauigkeit des Managements
  • Angemessener Anlagendeckungsgrad
  • Hoher Marktanteil, auch ausgewiesen durch überdurchschnittliche Marge
  • Ankeraktionäre
  • Positiver cash flow
  • First Mover im eigenen Marktsegment
  • Technologieführerschaft
  • Aktiv in einer Wachstumsbranche
  • Eher wenige Übernahmen, um Reibungsverluste zu vermeiden

    Ökologisch

    Ein Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion am ehesten mit dem Begriff Nachhaltigkeit in Verbindung gebracht wird. Stammt das Wort „nachhaltig“ doch zunächst aus der Waldwirtschaft und beschreibt eine Ausbeutung, bei der stets mindestens so viele Flächen nachbepflanzt wie gerodet werden, damit spätere Generationen den Wald genauso nutzen können wie die aktuellen Besitzer.

    Ein wichtiger Aspekt ist natürlich die Umweltverträglichkeit von Produktion. Die Erderwärmung durch zu hohe Emissionen ist inzwischen global als Kernproblem zumindest erkannt. Fallen Unternehmen durch eine übermäßige und gewissenlose Schädigung der Umwelt auf, ist das ein Negativkriterium, das bis zum Ausschluss aus unserem Investment-Universum führen kann.

    Positive Incentives können sein:

  • Maßnahmen zur Minimierung des Risikos von Umweltkatastrophen
  • Bestmögliche Effizienz bei der Nutzung von Ressourcen, z.B. in der Nutzung von Abwärme oder besonders effiziente Produktionsverfahren
  • Intensive Nutzung erneuerbarer Energieträger
  • Recycling
  • Vermeidung von Umweltgiften in der Produktion
  • Senkung von Schadstoff-Emissionen durch neue Techniken
  • Langlebigkeit von Produkten
  • Kurze Vertriebswege

    Sozial

    Kinderarbeit und die offensichtliche Missachtung von Menschenrechten sind grundsätzlich Ausschlusskriterien für ein Investment. Ausbeutung und Dumpinglöhne können zu einer negativen Bewertung führen.

    Positive Incentives können sein:

  • Internes Vorschlagswesen, um die Abläufe zu optimieren und Kosten zu sparen
  • Sicherheit am Arbeitsplatz, um Produktionsunterbrechungen zu vermeiden
  • Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf durch betriebliche Kindergärten, um möglichst die besten Kräfte im Unternehmen halten und binden zu können
  • Viele Ausbildungsplätze, insbesondere für die Angehörigen der Mitarbeiter, um die Loyalität im Unternehmen zu steigern
  • Eine Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmen führt regelmäßig zu einer höheren Motivation und Verantwortungsgefühl für das Unternehmen

    Christlich-Ethisch

    Die Bewertung der ethischen Komponente orientiert sich am Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden. Nicht sklavisch, sondern mit Interpretationsspielraum. Dabei geht es um Fragen, ob durch das Unternehmen – oder mittelbar Beteiligte – Gewalt in irgendeiner Form ausgeübt wird. Das gilt für Produkte, Vermarktung, politisches Umfeld. Es geht um ein ethisches Miteinander im Wettbewerb.

    Im Gegensatz zum Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden glaubt der Frankfurter Börsenbrief an die Überlegenheit von Marktkräften. Wo Produkte die allgemeine Wohlfahrt verbessern, darf dies auch zur Verdrängung von Wettbewerbern führen.

    Positive Incentives können sein:

  • Einhaltung internationaler Standards
  • Respekt vor Kulturgütern des jeweiligen Landes
  • Keine Diskriminierung bei der Arbeitsplatzvergabe
  • Überprüfung, ob Lieferanten ähnliche Standards einhalten bzw. sie darin schulen
  • Aktive Korruptionsvermeidung
  • Förderung karitativer, kultureller oder sportlicher Einrichtungen
  • Transparenz in allen Unternehmensvorgängen

    Bezüglich der christlichen Standards gehen die Auffassungen auseinander. Unternehmen, die sich ausschließlich der Produktion von Rüstungsgütern widmen, wollen wir nicht als Teil unseres Investment-Universums im Frankfurter Börsenbrief betrachten. Auch ist der Eingriff in die Schöpfung über die unter der Rubrik „ökologisch“ genannten Kriterien hinaus, z.B. in Form von Genmanipulation, bedenklich.

    Die großen Kirchen schließen bei ihren Investments auch Unternehmen aus, die Produkte herstellen, mit denen sich der Mensch selbst schädigen kann, wie z.B. Tabakkonzerne, Alkoholhersteller, Spielcasinos oder Vergnügungsparks. Hier wird nach unserer Auffassung der Begriff des „christlichen“ schon schwammig, da Jesus Christus selbst nach biblischem Zeugnis Alkohol konsumierte und zu einem fröhlichen Glauben aufrief. Kernfrage ist, ob nur Gebote und Verbote einfließen sollen, die sich aus der Bibel oder Jesu Leben ableiten lassen können oder auch solche, die später von der Institution Kirche entwickelt wurden. Darauf gibt es keine eindeutige Antwort.

    Es wird kein Unternehmen geben, dass alle Kriterien mit Bestnoten abschließt und sich gleichzeitig auch noch aussichtsreich für Kurssteigerungen aufdrängt. Wir haben uns deshalb entschieden, die Kriterien aufzuspalten und damit dem Leser auch in dieser Dimension eine Chance zu geben, den eigenen Präferenzen Rechnung zu tragen.

    Uns geht es um die Förderung eines nachhaltigen Denkens, das innovativ versucht, unser aller Verantwortung gerecht zu werden.

    Viele Branchen sind zudem per se mit einigen Fragezeichen, was nachhaltiges Wirtschaften anbelangt, zu versehen. Wir versuchen die Unternehmen herauszufiltern, die unter bestehenden Umfeldbedingungen, dem Prinzip wenn schon nicht perfekt, so doch innovativ, verantwortungsvoll und somit ausreichend gut gerecht werden.

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