www.frankfurter-boersenbrief.de
4
20
Frankfurter Börsenbrief
 
 

/Beispielbrief


Übersicht

ganzer Brief


Archiv

zurück(-)

vor(+)

Kapitel (-)

Kapitel (+)
---

Deutschland
Die nächste Lohnrunde wird für Salzgitter zu einer Herausforderung.


In Deutschland hat man sich mit den immer gleichen Ritualen bei den Tarifverhandlungen eingerichtet: Arbeitnehmer fordern ihren Anteil an den Gewinnzuwächsen, Arbeitgeber warnen vor Jobverlusten und drohendem Abschwung. Man rechnet sich gegenseitig vor, wie unmöglich die jeweils andere Verhandlungsposition ist, Warnstreiks, martialische Auftritte im TV (auch um den Job gegenüber der eigenen Interessengruppe zu verteidigen), Nadelstiche und am Ende einigt man sich so gut wie immer bei zwei Dritteln der ursprünglichen Gewerkschaftsforderung. Trotz allem medialen Getöse funktioniert das tarifliche Zusammenspiel besser und vor allem verantwortungsvoller als in vielen Nachbarländern. Insbesondere in Frankreich ist die Gegnerschaft nicht nur medial inszeniert, sondern real. Die deutsche Sensibilität füreinander hat auch damit zu tun, dass man durch die Zusammenarbeit in den Aufsichtsräten ein Gefühl dafür bekommt, was geht und was nicht.

Trotz allem unausweichlichen Lamento waren die jüngsten Abschlüsse ein vertretbarer Spiegel des seit 2009 einsetzenden Aufschwungs. In unseren Augen wird es nur eine Branche sehr schwer haben, die sich abzeichnende Lohnrunde zu verkraften: Die Stahlindustrie.

Salzgitters Ausblick lässt erschauern. Der Rückblick auf 2018 erstrahlt noch hell. Das Jahresergebnis wurde zum fünften Mal in Folge verbessert. Laut vorläufiger Zahlen stieg der Gewinn vor Steuern im Geschäftsjahr 2018 um 46 % auf 347,3 Mio. € am oberen Ende der Zielspanne von zuletzt 300 bis 350 Mio. €. Obwohl eine Rückstellung wegen des Risikos einer Kartellstrafe gebildet wurde (die Höhe blieb ungenannt), fuhr der Konzern mit seinen rund 25.200 Beschäftigten (rund 18 % davon im Ausland) sein bestes Ergebnis der vergangenen zehn Jahre ein. Der Zielkorridor für den Vorsteuergewinn 2019 reicht aber nur noch von 125 bis 175 Mio. €, was mit „zahlreichen wirtschaftlichen und politischen Unwägbarkeiten“ begründet wird. Immerhin will man den Umsatz von 9,3 Mrd. auf mindestens 9,5 Mrd. € ausbauen. Die Rendite auf das eingesetzte Kapital (Roce) werde aber „sichtbar“ unter den 2018 erreichten 10,4 % bleiben. Die Skepsis hat die gesamte Branche infiziert:

Gewinnwarnungen von Stahlkonzernen wachsen zu einem Trend. Wir werfen einen Seitenblick auf den deutschen Konkurrenten Thyssenkrupp sowie die österreichische Voestalpine, die übrigens beide ebenfalls im Zusammenhang mit Kartell-Ermittlungen bei Flachstahl/Grobblechen genannt wurden. Voest revidierte die Prognose innerhalb von drei Monaten zweimal nach unten. Die Österreicher weisen u.a. auf hohe Ausbaukosten im Bereich Automotive hin. So markierte die Aktie ein Drei-Jahres-Tief. Bei Thyssenkrupp hat sich der Aktienkurs seit Januar 2018 etwa halbiert. Der Essener Konzern hatte schon im November die Erwartungen heruntergeschraubt und blieb auf der HV vorige Woche vorsichtig. Konzernchef Guido Kerkhoff konnte mit den strategischen Aussichten nicht überzeugen. Die Hängepartie beim Joint Venture mit der indischen Tata wird möglicherweise ergebnislos beendet, sofern Wettbewerbshüter mit ihren Vorgaben die angepeilten Synergien (500 Mio. €) zunichtemachen.
Das Grundproblem bleiben die Überkapazitäten. Weltweit ist das jährliche Produktionspotenzial nach Angaben der OECD immer noch mehr als 500 Mio. Tonnen zu hoch. Die Regierungschefs der G20 beschlossen im Jahr 2016 die Gründung des „Global Forum on Steel Excess Capacity“, das Maßnahmen zum Abbau der Überkapazitäten erarbeiten soll. US-Präsident Trump hingegen preschte mit Strafzöllen auf Stahl und Aluminium aus China vor, worauf die EU ebenfalls reagierte, um sich gegen „Umlenkungseffekte“ zu schützen. Im Endeffekt musste man sich aber auch gegen Lieferungen aus Indien und der Türkei wehren und wendet seit Juli 2018 „Schutzklausel-Maßnahmen“ an. Diese können zu Einfuhrzöllen in 23 Produktkategorien führen. Der anfänglich positive Effekt für die europäischen Stahlhersteller ist wieder verpufft, zumal auf dem Kontinent selbst Stahl-Überkapazitäten von rund 30 Mio. Tonnen bestehen. Die schwächelnde Nachfrage aus dem Automobilsektor tut ihr Übriges. Die Stahlindustrie drängt sich als Underlying für Short-Spekulationen auf.

In diesem Umfeld wirken die Gewerkschaftsforderungen kaum verdaulich. Die Grundforderung der IG Metall lautet auf 6 % mehr Gehalt. Hinzu kommt u.a. ein Urlaubsgeld von 1.800 €, das in freie Tage umwandelbar sein soll. Dies würde einer wöchentlichen Arbeitszeitverkürzung von 1,5 bis 2 Stunden gleichkommen, kontern die Arbeitgeber und bieten ihrerseits ein Gehaltsplus von 2,5 % (mit einer Laufzeit von 27 Monaten) an. Salzgitters Personalaufwand setzen wir mit ca. 1,7 Mrd. € an, sodass eine Lohnsteigerung um unerwartete 3 % das Ergebnis mit grob 51 Mio. € belasten würde. Das bisher angepeilte Vorsteuerergebnis ist nicht hoch genug, um diesen Effekt als nebensächlich abzutun.

Übersicht

ganzer Brief


Archiv

zurück(-)

vor(+)

Kapitel (-)

Kapitel (+)
---
© Hans A. Bernecker Börsenbriefe GmbH - Schiessstr. 55   40549 Düsseldorf - Impressum Datenschutz